Die Natur und ihre Kräfte.
Ein roter Faden, der sich auf meiner Reise durchzieht, ist die pure Faszination für die Naturgewalten. Es ist kein Phänomen, dass sich ausschließlich auf diese Reise und auf diesen Zeitpunkt beschränkt. Ich bin auch mitten im Eis, auf einer ausgetrockneten Wiese oder im Kiefernwald beeindruckt und staune. Aber im Hier und Jetzt zeigt sich noch einmal mehr wie einzigartig diese Welt ist.
Es zieht mich mehr zu den großen weiten freien Flächen, als ins Gewusel zwischen geschäftigen Menschen. Auch wenn Winterzeit ist, gehen die Menschen ihrer Arbeit und ihrem Alltag nach. Nein, es sind die Orte, die eben nicht besiedelt sind und die in ihrer vollen Größe zeigen, dass wir Menschen nur ein Teil des großen Ganzen sind.
Da ist ein Strand-Café und eine Google-Bewertung enthält folgenden Kommentar “Es ist schon faszinierend zwei Meter neben der herausragenden europäischen Kontinentalplatte zu sitzen und einen Espresso zu trinken” – Da plötzlich bekomme ich Gänsehaut. Diese Platten sind nicht nur große Gesteins-Dinger, die einfach mal so aus dem Wasser ragen, sondern sie sind unser Fundament. Und ich sitze da, stehe zwei Zentimeter daneben. Und man sieht wie exakt parallel die einzelnen Schichten aufgesplittert sind. Durch nichts anderes als Druck.
Es ist der gleiche Druck, den wir verspüren, wenn wir etwas aufhebeln wollen, der gleiche Druck, den wir auf den Schultern verspüren, der gleiche Druck mit dem wir etwas biegen, brechen oder formen. Der gleiche Druck, der im Alltag anstrengend ist, der gleiche Druck, den wir uns machen. Ist das nicht abgefahren?
Da ist der Regen, der wirklich nervig ist. Er ist grau und macht schlechte Laune. Er sorgt dafür, dass wir über die Straße hasten und schnell ins Trockene wollen. Er prickelt auf unserer Haut und versperrt uns die Sicht.
Er sorgt dafür, dass Pflanzen wachsen können, dass es Grün wird und dass Flüsse fließen. Er sorgt dafür, dass ein Zyklus entsteht und dass etwas wachsen, werden und vergehen kann.
Der Regen besteht aus Millionen kleinsten Tröpfchen und wenn die sich formieren, dann sehen wir dunkle graue Wolken, ja, ganze Himmel verändern ihr Gemüt. Ist das nicht krass?
Da ist der Sand, der eigentlich genauso tickt. Besteht er doch aus klitzekleinen Steinchen. Aber ist er dadurch zu wenig? Zu unwichtig? Zu irrelevant? Das fragen wir mal die Straßenarbeiter:innen hier. Wenn der Wind den Sand auf die Straßen trägt, man die nicht mehr einfach so befahren kann und es ihm einfach vollkommen egal ist, ob uns das gefällt. Wenn die Dünen einfach wandern. Und komplette Regionen still und leise, aber mächtig und unnachgiebig erobern. Und das mit kleinen Steinchen. Die dann auch noch in jedem Schuh, jeder Hose und jeder Socke zu finden sind. Der Sand ist einfach überall.
Und es gibt ihn als Berg und als Flachland. Es gibt ihn glatt und mit Wellen. Es gibt in in nass und in trocken. Je nachdem mit wem er sich verbündet.
Und dann ist da natürlich die Kraft von Flora. Die sich in den unterschiedlichsten Farben zeigt. All die Bäume, die miteinander, nebeneinander und übereinander leben. Und trotz, dass sie alle Wurzeln, Stämme und Kronen haben, haben sie ihre ganz eigenen Eigenheiten entwickelt. Die einen meinen sie brauchen lange gerade Nadeln und Wind, die anderen fast stahlblaue Blätter und Unmengen von Wasser. Und dann gibt es die, die sich häuten. Die meinen, sich ab und zu von ihrer alten Haut trennen zu müssen. Eine Haut, die innen ganz hell ist, viel Luft einschließt und von außen Jahrhunderte alt und verschrumpelt wirkt – Wir nennen sie Kork.
Da sind der Wind mit seinen Wolken. Möglicherweise neben der Sonne der mächtigste Riese mit dem feinfühligstem Gespür. Er ist überall. Formt Wellen, entscheidet wann es regnet. Und wenn ihm danach ist, reißt er so sehr an Dingen bis sie zerstört sind. Er ist freundlich und sanft. Fährt durch Haare und luftige Blusen, strömt durch Gassen und pustet Schwere weg. Er entscheidet wie das Morgen wird. Der Wind ist es, der reagiert und agiert und reagiert und agiert. Und alle anderen müssen sich darauf einstellen.
Sein Partner ist der Mond. Die zwei lieben sich und brauchen einander.
Ich gebe zu, im Geografieunterricht habe ich die Logik der Gezeiten nicht verstanden, in meiner Zeit in Bremen etwas beobachtet, in Hamburg bestaunt, aber eigentlich nie wirklich durchdrungen. Also so, dass ich die Logik wirklich wirklich umrissen habe.
Dazu braucht es Lebenserfahrung, ein Alter, dass es ermöglicht die unterschiedlichen Gesichter der Gezeiten zu erkennen. Und ja, jetzt an der Algarve habe ich es verstanden. Es hat etwas mit Anziehung und Loslassen zu tun und mit einer garantierten Gewissheit, dass es immer ein Auf und Ab, ein Hoch und ein Tief und ein Ebbe und Flut geben muss. Wenn das nicht mehr ist, bei Dingen, die fließen, dann wird es ungesund.
Und so stehe ich tatsächlich staunend auf der Sandbank und kann es nicht glauben, wie etwas geht, nur um wiederzukommen. Und wie das, was geht, niemals wiederkommt. Ist das nicht unfassbar?
Und so spannt sich der Bogen zum Anfang. Ich bin am Meer und kann mich dem Anblick nicht entziehen. Die Wellen kommen unablässig. Sie sind niemals gleich, aber man kann lernen sie zu lesen. Das Wasser ist mit wortwörtlichem Abstand betrachtet ein Schauspiel, doch ist man mittendrin, ist es eiskalt.
Die Wellen sind riesig, voller Schaum und Gicht. Ich merke wie ich begeistert auf die See starre und in mir ringen Furcht und Faszination. Es ist eine Vibration, die von dieser Macht ausgeht und auch das ist nichts anderes als Physik. Denn das Wasser steht niemals still. Es findet immer, wirklich immer seinen Weg und kratzt und scharrt und klatscht und zieht an den Felsen und am Sand.
Da fragt man sich doch woher es kommt. Wer hat es angeschaltet, wer entscheidet wie hoch welche Welle schlägt, warum plötzlich zwei gegeneinanderlaufen und warum manche Wellen krachen und andere nicht. Und vor allem stellt man fest, dass dem Meer das herzlich egal ist.
Das ist es, was alles zusammenhält. Die Kräfte sind da. Sie können geformt, geleitet oder einfach frei gelassen werden. Sie brauchen uns nicht und sie fragen nicht warum, wozu oder warum nicht. Sie wirken ineinander, aufeinander und miteinander, ja auch gegeneinander. Sie bestehen aus kleinsten Teilchen und ergeben Riesiges.
Ist das nicht unglaublich?