Algarve. Alentejo. Atlantik. Ihr heilsamen Gegenden.

Tripple A würde ich mal sagen. Denn ja, diese drei Regionen von Portugal haben ihren ganz eigenen Charme und auch wenn sie nicht ganz Portugal abbilden, prägen sie doch maßgeblich den Charakter und Charme des Landes.

 

Zwischen kleinen Fischerhäusern, gepflasterten Gassen und dekorativen Kacheln steckt irgendwo die DNA des Landes. Auf Tellern voller Sardinen, kleinen Törtchen und im cremigen Galao. Oder zwischen den Dünen, den Pinien- und Korkeichen-Wäldern oder den Orangen im Garten.

Im Geografie-Unterricht hatte Frau Bläsner immer wieder vermittelt, dass Portugal so ähnlich wie Spanien ist und daher vernachlässigt werden kann. Es sei eh recht klein. Pff. So ein Quatsch. Natürlich gibt es Verbindungen, natürlich Ähnlichkeiten, aber dieses Land hat wohl seine ganz eigene Stilistik, seine eigenen Vorlieben und Charakterzüge.

 

Alle, mit denen ich gesprochen haben, gaben mir einen Satz mit, den sie jeder auf seine Weise formuliert haben:

 

“Wir haben Probleme, wirkliche Probleme. Aber wir haben auch die Sonne und das Meer.”

Das fasst alles zusammen, was mir begegnet. Da finde ich Genügsamkeit (keine Bequemlichkeit oder Langeweile), da finde ich alte Traditionen. Ich finde Kitsch und ich finde Genuss.

Was heißt das im Detail?

Mir begegnet ein Faible für Kunstblumen. Eine wirklich schreckliche Hassliebe zu dem immergrünen Zeug.
Verständlich, wenn die Sonne alles ausbleicht und der Wind alles austrocknen lässt. Auf gut gelauntes Grün kann man sich hier nicht wirklich verlassen. Also wird man pragmatisch und tackert Efeu an die Beachbar, stellt kleine Sukkulenten in Badezimmer ohne Licht und packt blühende Magnolien auf Frühstückstische.

Mir begegnet eh ein gewisser Hang zu Made-in-China-Krimskrams. Größere Hallen, die alles versprechen und alles haben. Es riecht furchtbar nach Plastik, aber in der Tat gibt es hier alles fürs Leben zu erschwinglichen Preisen. Verständlich, wenn im Jahr 2022 das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Portugal rund 24.540,38 US-Dollar beträgt. Für das Jahr 2023 wird das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Portugal auf rund 26.878,87 US-Dollar prognostiziert. Zum Vergleich: Im Jahr 2023 beträgt das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Deutschland 51.384 US-Dollar. Und die Plastik-Stühle, Übertöpfe, Vorhänge und Klamotten sind auch viel robuster wenn Salz, Sonne und Wind an ihnen ziehen und zerren. Also ja, man kann es ihnen nicht verübeln. Und dennoch: Der Müll an den Stränden und in den Wäldern und eigentlich überall ist unfassbar. Selbstverständlich nicht nur durch Portugal verursacht, wir können uns da schon schön an die eigene Nase fassen. Dennoch ist er omnipräsent und er zeigt ganz deutlich wie der Kreislauf der Kunststoff-Verheißungen bittersüß ist.

Zurück zum Leben hier. Es gibt Orte, die sind dicht besiedelt und es gibt das Nirgendwo. Ein wunderschönes Nirgendwo mit Bäumen oder Strand. Orte an denen man denkt, sie gibt es gar nicht. Orte, die so abgelegen sind, dass man sich Trubel und Stress nicht mehr vorstellen kann. Liebes Portugal, kultiviere sie. Schätze sie, unterstütze all diejenigen, die sie hegen und pflegen und halte sie in Ehren. Sie sorgen fürs Luftholen, fürs Gesund werden, für Frieden wie Nuno, der Farmer sagt.

Begegne ihnen mit so viel Respekt wie Du es mit Deinen Markthallen tust. Denn im Gegensatz zu Deutschland hast Du es irgendwie geschafft, dass sie in deinem alltäglichen Leben festverankert bleiben. All die Supermärkte und Minimärkte sind toll, aber sie sind eben nur ein Teil. Ich selbst kenne diese Markthallen in Deutschland entweder als Feinkost-Genuss-Tempel, als umgewandelte Concept-Stores oder als Ruinen. Aber hier erfüllen sie noch komplett ihre Funktion. Da werden am Samstag 50 frische Eier für die folgende Woche gekauft, frisches Gemüse und Obst, viel frischer Fisch wie Doraden, Sardinen, Tunfisch… und natürlich Süßkram – ist ja selbstverständlich. Noch ein kleiner Espresso und dann geht es nach Hause. Gegen 15 Uhr räumen die Händler dann ihre Stände. Große Edelstahl-Flächen werden abgespritzt, geputzt und entleert. Weiße Lieferwagen verlassen die Parkplätze. Was bleibt, ist der intensive Geruch nach ganz viel Fisch. Und irgendwie eine bewusstere Art des Einkaufens.

 
 

Was ist mir noch aufgefallen? Flure wie wir sie kennen, sind mir nicht oft aufgefallen. Wenn, dann ist man sofort im Haus. Rein. Raus. Vielleicht gibt es noch eine Treppe, aber einen Raum zwischen draußen und drinnen, zwischen der großen Welt und der eigenen Welt, den gibt es nicht wirklich. Dafür gibt es Schnörkel. Türklinken, Scharniere, Fensterläden – sie alle sind mehr verziert als wir es kennen oder als wir es bauen und gestalten.

Worin steckt also der Charme. Für mich in der tiefverwurzelten Liebe zu Dekor, zu Kultur, Erbe und Eigensinn – liebe Unternehmen, liebes Deutschland, das können wir wieder ein bisschen mehr zelebrieren. Ebenso genügsamer Pragmatismus, Entspanntheit und Lebensfreude. Nicht laut, nicht spektakulär, sondern friedlich. Das nehme ich für mich mit. Und die heilsame Wirkung von Licht und Luft. Weil es sie hier im Überfluss gibt, wird mir die Dimension sehr bewusst. Und dabei lerne ich, dass sie zwar immer da sind, aber nicht weniger unwichtig. Sie sind lebenswichtig. Wir sollten sie viel mehr bewusst und achtsam wahrnehmen. Bei all dem Alten, Neuem und dem Dazwischen.

Natürlich ist nicht alles romantisch. Die Altstädte – Baixas – sind touristenfreundlich und kommen aus einer alten Zeit. Die Industrie- oder Wohngebiete sind nüchterner, schrabbeliger und phantasieloser. Kabel sind allgegenwärtig, abgebrochene Dinge sowieso und das mit der Feuchtigkeit ist eh so eine Sache beim Bauen hier…

Aber so ist es eben. Das Leben. Wenn etwas bröckelt, dann gehört das wohl dazu. Das Gegenmittel? Törtchen, süße Teilchen, Pasteis de Nata. Immer. Überall. Und Freundlichkeit. Miteinander. Zueinander. Ein kleiner Scherz, ein fröhliches Lachen. Gegenseitige Hilfe.

 
 
 
Zurück
Zurück

Müll.

Weiter
Weiter

Die Natur und ihre Kräfte.