Fuseta, Du ursprünglicher Ort

Die Algarve ist ein klassisches Tourismus-Ziel und doch habe ich einen Ort gefunden, der nicht von Mainstream-Wellen überschwappt wurde. Östlich von Faro zeigt sich die Algarve von ihrer sanften, leisen und schüchternen Seite. Keine Monster-Wellen, die sich an den Felsen brechen, keine zerklüfteten spektakulären Steinvorsprünge.

Flaches Land. Viel Sand. Das Meer in weiter Ferne und doch überall. Mittendrin, ganz klein und unscheinbar liegt Fuseta, eingebettet in der Ria Formosa, einer Lagune und einem Naturschutz-Reservat.

Der kleine Fischer-Ort tickt noch etwas wie früher. Es gibt eine Metzgerei, einen Schmuckladen, eine Pastelaria, einen Frisör-Salon, einen Gemüse-Laden. Natürlich auch einen Supermarkt, aber er prägt das Stadtgeschehen nicht so wie es bei uns Aldi, Rewe oder Edeka mittlerweile ganz selbstverständlich tun. Man geht langsamer, einzelner einkaufen.

Möchte ich Fleisch von diesem Metzger – nein. Und auch im Gemüse-Laden bin ich erstaunt wie schrabbelig es aussieht, aber wer sagt, dass es nicht besser so ist?! Es hat auf jeden Fall Charme und man kommt ins Nachdenken, wie es dazu kam, dass wir heute entweder fancy auf dem Markt einkaufen gehen oder völlig verlässlich in einem Supermarkt, der alles hat.

 
 
 
 

Der kleine Hafen ist nicht nur zum Anschauen da, sondern dient wirklich noch für Fischer und deren Fischfang. Der frische Fang wird sofort verarbeitet und auf dem Grill zubereitet und verköstigt. Auch das ist hier eher eine robuste Angelegenheit und doch riecht es so lecker, wenn der Duft durch die Gassen zieht.

Am Ende der Straßen der Strand. Dort eine Beachbar, zwei, drei Cafés – wir sind in der Nebensaison – und das wars. Es reicht.

 

Es reicht, denn da ist die lange Sandbank, der große flache Strand mit wunderschönen Muscheln und die Lagune, die so Besonderes preisgibt, wenn man genau hinsieht.

Da sind die kleinen Häuser, typisch für die Fischerei, manche architektonisch aus der Mauren-Zeit. Da ist der Bahnhof, der tatsächlich noch mit einem echten Menschen besetzt ist. Für Fragen. Für Tickets. Für einen kurzen Plausch.

Ist das zu romantisch? Vielleicht, aber es ist wohltuend.

Und dann ist da natürlich die Lagune. Ein fremdartiges Wesen. Entstanden durch ein Erdbeben, unterteilt sie sich in verschiedene Areale und birgt Pflanzen, Tiere und allerlei dazwischen.

Bei Ebbe tauchen ganz selbstverständlich Tausende von Krebsen aus ihren Verstecken und klappern mit ihren Scheren. Flamingos schnabeln in dem salzigen Wasser nach Lieblingskrebsen, die sie so schön rosa machen. Und Chamäleos? Naja, die verstecken sich so gut es geht, damit ich sie nicht finden kann.

In den Salinen sammelt sich das Wasser bei steigender Flut und die Salzkristalle schimmern matt. Rote Erde, die recht matschig ist, klebt an den Schuhsohlen. Ja, es regnet zur Zeit häufig. Aber irgendwo muss das viele Grün ja herkommen. Das Grün zieht sich von Dünengras, über blühenden Rosmarin bis hin zu den fetten Zitrusbäumen und zeigt sich immer wieder von einer anderen Seite. Mal graugrün, mal saftig leuchtend bis hin zu fast schwarz-olive.

Die Gezeiten geben den Ton an. Für die Fischer, für die Tiere, für die Pflanzen und für die Winde. Sie gegenseitig bedingen sich und der Mond sorgt für An- und Entspannung des Meeres. So schnell wie sich hier der Himmel verändert, kann man gar nicht schauen. Wolken und Sonne wechseln sich ab oder ergänzen sich fast spielerisch. Der Regen ist mal ganz klar und dann wieder kommt er mit schwerem roten Sand aus fernen Ländern.

 

Die nächste größeren Städte sind Olhao – mit dem Zug zehn Minuten gen Westen – und Tavira – mit dem Zug zehn Minuten gen Osten.

Gesunde Distanzen zum Besuchen. Olhao ist eine Fischerei-Stadt mit Familienunternehmen, die ganz stolz die Tradition der Fisch-in-Konservendosen-Herstellung hochhält. Sardinien und Thunfisch werden in Blech gequetscht. Sie schmecken gut und sind hier feste Alltags-Genüsse. Aber wie überall sind die Meere leergefischt und wir können diese Industrie nicht mehr weiter so betreiben.

Tavira im Osten atmet schon etwas spanische Luft und ist doch schön portugiesisch. Eine hübsche Stadt, lieblich, einladend und hell. Mit duftenden Gärten, so vielen Kirchen wie Rom – so fühlt es sich an – und den typisch schwarz-weißen Pflaster-Mosaiken.

Die, so habe ich gelernt, sind aus der Not entstanden. Nach dem schweren Erdbeben hat man die schmutzigen dunklen Steine mit neuen hellen Steinen kombiniert, um sie weiter verwenden zu können. In Dresden ist man bei dem Aufbau der Frauenkirche genauso vorgegangen. Und schon entsteht etwas so Schönes.

 

Das Stimmengewirr am Bahnsteig ist ein Mix aus Portugiesisch, Englisch, Indisch, Spanisch und Deutsch. Auch hier ist nicht alles rosarot. Im Zug wurde ich Zeugin einer hitzigen Diskussion zwischen einem Portugiesen und einem in Lissabon-lebenden Inder. Es reicht jetzt mit den Einwandernden, so der Portugiese. Es ist nicht mehr zu finanzieren. Portugal braucht ausgebildete Menschen. “Expats?!” fragt der Inder. “Ja, naja, nein. Die wollen zu viel Geld” Es braucht “ausgebildete Menschen, die nicht so viel verdienen wollen”.

Wenn es doch so einfach wäre… Es wurde laut, es wurde hitzig. Und dennoch. Sie haben sich unterhalten. Argumente ausgetauscht. Waren im Gespräch. Vielleicht ist das der einzige Weg.

Zurück in Fuseta, ziehen die Wolken vorüber, die Schwalben schnattern und zirpen wie verrückt, sie zappeln und fliegen zwischen den Gassen hin und her. Der laute Ruf einer Möwe erzählt vom Meer. Und von seinen Schätzen.

Schätze, die man hier wirklich noch finden kann. Beim Wandern durch die Salinen, beim Barfußlaufen am Strand, beim Genießen des frischen Fischs.

 
Zurück
Zurück

Die Natur und ihre Kräfte.

Weiter
Weiter

Von weiter weg, sieht man mehr.