Marrakesh, Du schöne, stinkende, farbenprächtige, hitzig pulsierende, niemals ruhende Metropole
Nach einer wunderbar vollen, lustigen, erlebnisreichen Tour durch das Land, lautete der nächste Reisestopp “Zehn Tage Marrakesh”. Jeder und jede hat mich dafür belächelt. Marrakesh hält man maximal drei Tage aus. Zu laut, zu wild, zu chaotisch und zu krass.
Stimmt. Und dennoch bin ich dankbar und froh diese Entscheidung getroffen zu haben. Denn wie begegnet man am besten Reizüberflutungen, Geruchsexplosionen, schwindelerregender Geschwindigkeit, Gassen-Chaos, mitreissenden Motorradrollern und Farbintensitäten wie wir sie nur selten erleben? Richtig, mit Zeit und kleiner Dosis. Mitten in der Medina durfte ich in einem zauberhaften Riad leben und Sultana, die Hausdame war ein Geschenk des Himmels. Sie kochte mir Suppe aus Dingen, die ich falsch gekaufte hatte, lotste mich mit arabischer Contenance durch die Souks, zeigte mir wie man verhandelt und bestand darauf, dass ich mich mit Händen, Füßen und meinem Schulfranzösisch verständige und eben nicht mit der KI-Übersetzer-App. Was haben wir gekichert…
Und so bewege ich mich jetzt selbstsicher und geübt durch die verwinkelten Ecken, kaufe Datteln und Obst, weiß, was wie schmecken sollte, wenn es gut sein soll und lasse mich nicht von schreienden Händlern verleiten. Ich habe viel über das Leben hier erfahren, liebe das gelbe Brot und habe für mich eine gute Balance aus “Ich stürze mich ins Chaos und ich arbeite ein wenig auf der Dachterrasse” gefunden.
Also los, tauchen wir ein in die Welt von Marrakesh…
Eine Stadt mit einer Million Einwohnern, das eigentliche Zentrum von Marokko, sagt man. Ein Schmelztiegel von alten Traditionen und neuen Trends, von Luxus und Armut, von Hektik und Gelassenheit. Von Dreck und Eleganz.
Damit fing alles an…
Vor über zehn Jahren besuchte ich Almuth, eine Freundin, in Bremen und wir entschieden abends ins Kino zu gehen. Als Fashonistas lieben wir die französische Mode, die Marken-Mythen der Modelables und das Savoir-vivre von Paris – der Film über Yves Saint Laurent war also genau das Richtige für uns an diesem Abend. Und so erfuhr ich von einem Garten, von einer Villa und einem französischen Modedesigner, der in Marrakesh seine Inspiration und seinen Frieden fand. Für mich war diese Welt damals so weit weg und doch reifte in mir der Gedanke “Irgendwann werde ich dieses Museum besuchen”.
Musée Yves Saint Laurent
Dieser Gedanke erwachte wieder als es um meine große Reise ging und war ziemlich schnell ein Fixpunkt um den ich herumgedacht habe. Et violá – ich durfte den Jardin Majorelle besuchen und das kleine, feine Museum über YSL.
Es war bittersüß wie so vieles in Marrakesh. Denn einerseits trampeln sich Insta-posende-Weltenmenschen gegenseitig in die Sommerschlappen, werden von Guides sehr bestimmt zurechtgewiesen und verwandeln damit diese Kostbarkeit in ein Touristen-Molloch. Andererseits ist da so viel Liebe zum Detail, zu Dekoration, zu Farben und zu Formen. Da findet sich so viel Raffinesse, Eleganz und Harmonie, dass ich – blende ich die anderen aus – wirklich einen besonderen Ort in der Welt gefunden habe. Und genau das versuche ich mitzunehmen. Das Mainstream-Gewusel an Erwartungen auszublenden und die eigene Logik, eine Vorstellung von Stil bis ins letzte Detail zu zelebrieren. Das macht diesen Ort aus: Er ist konsequent. Konsequent gestaltet. Konsequent gepflegt. Konsequent geführt.
Jardin Majorelle
Außerhalb dieser stilvollen Oase prallen dagegen Welten aufeinander. Stinkender Qualm der Motorroller lassen es im Hals so sehr kratzen, das Luftholen plötzlich zu einem beißenden Akt wird. Verwahrloste Katzen zerlegen altes Fleisch, nagen an hingeschmissenen Knochen und kämpfen ums Überleben. Karren voller Datteln, Minz-Bündeln, frischen Broten und Zuckerzeug werden vorbeijongliert. Schlappende Frauen tragen Einkäufe heim. Männer spritzen und klatschen sich aus 1,5 Liter Flaschen Wasser ins Gesicht, schnäuzen aus, schluppen in die Pampuschen für den Gang zum Gebet. Das rituelle Reinigen gleicht einer Choreografie und ist omnipräsent. Der Muezzin ruft wieder einmal und sorgt für ein kurzes Innehalten. Fünf Mal am Tag drückt der Islam auf den Pauseknopf und alle werden sich bewusst was sie tun, was sie machen, was oder wer sie sind. Achtsamkeitsübungen mitten im geschäftigen, improvisierenden und rauen Alltag. Es ist nicht das Schlechteste…
Das Leben in den Gassen hat eine hohe Taktung. Wer kurz heraustreten will, kann weder nach rechts oder links ausweichen, denn da ist Wand mit Haus. Also bleibt nichts anderes übrig, als den Weg nach oben zu finden. Auf eine der Abertausenden von Dachterrassen. Die zweite Welt von Marokko. Oben angekommen gibt es verlässlich ein “Aaah” oder “Ohhh” – denn es tun sich Gärten, Salons und Lounges auf. Palmen, Hängepflanzen, Lichterketten. Chillige Musik, entspannte Luftigkeit, natürlich ein Thé au Maroc. Der Minz-Tee gehört zum Leben und der dazugehörige Zucker versüßt die Bitterkeit. So viel Zucker wie ich hier in den vier Wochen aufnehme, kann sich kein Diabetes-Arzt zuhause vorstellen. Aber wer bin ich, dass ich meine, es ohne die Süße zu schaffen.
Und das Essen? Meistens wählt man zwischen Tajinen oder Couscous, Pastilla oder dem marokkanischen Salat, verschiedenem Fleisch und natürlich Brot. Speziell zum Ramadan taucht noch Suppe auf – Harira – die den Magen nach dem langen Fasten bekömmlich auf das bevorstehende Essen vorbereiten soll. Linsen, Kichererbsen, Sellerie, Tomaten, Gewürze wie Kardamom, Koriander, Salz, Pfeffer und Zimt ergeben ein herzhaftes und sehr leckeres einfaches Essen. Den i-Punkt bekommt sie, wenn man dazu Datteln isst. Ein Genuss. Und auch hier treffen salzig und süß versöhnlich aufeinander. Gegensätze, die sich lieben.
Arm und Reich. Handwerkskunst und Zukunftsdesign.
In Portugal empfahl mir Nuno das La Mamounia zu besuchen, eines der teuersten Luxushotels. Und im Sinne der Ganzheitlichkeit – wir treffen auf arm und reich – gingen wir Tee trinken. Mehr gab mein Kontostand nicht her, denn das Zimmer hier beginnt im vierstelligen Bereich pro Nacht. Eine inspirierende Parkanlage, exzentrisches Interieur Design, Installationen, die faszinieren. Alles in allem das komplette Gegenteil von den gehämmerten kleinen Unikaten in der Schmiedegasse der Souks oder der gestickten Bast-Taschen auf einem Marktstand. Aber beides in der jeweiligen Welt kostbar und stilprägend.
Spannendes Design findet man auch am Marrakesh-Airport. Elgin und Dennis, Freunde von mir, haben entschieden mich zu besuchen und so durfte ich die beiden in einem gläsernen Etwas empfangen. Auch hier begegnet mir Mut und die Konsequenz im Design. Keine Mittelmäßigkeit, die aus Zweckbewusstsein und Vernunft besteht. Ich versuche davon eine Scheibe für Deutschland abzuschneiden und mitzubringen.
Und wenn alles zu viel wird, die Füße schmerzen und der Kopf brummt, dann schlappe ich zurück ins Riad Zefyr, mache die Tür hinter mir zu und höre nichts als Vogelgezwitscher und Stille. Steige drei Etagen über ein schmales Treppenhaus nach oben und genieße ein einzigartiges Kleinod mitten im chaotischen Marrakesh.
Zehn Tage sind wunderbar. Sie sorgen dafür, dass man nicht nur kurz zu Besuch ist, sondern wenigstens ein kleiner Teil dieses vibrierenden Ortes wird. Ein Ort ohne Werbeschilder, ohne Ruhe, ohne Aldi und ohne Vernunft. Ein Ort, der voller Farbe ist. Voller Inspiration. Und voller Sinnlichkeit.