Die Eigensinnigkeit der Farben

In Meknes sehe ich sie zum ersten Mal. Am Straßenrand steht eine Frau, komplett in Weiß gekleidet. Es ist ein kaltes Weiß und sie sticht fremdartig aus ihrer Umgebung heraus. Weiß ist die Farbe der Trauer in Marokko. Wenn man stirbt, wird man in ein reinweißes Leinentuch genäht. Ergo geht es im Leben um Farben. Je intensiver, desto lebendiger möchte man hier meinen. Weiß begegnet mir also tatsächlich ganz selten. Ich selbst liebe weiße luftige Kleidung, doch auch ich werde in den Bann der Farben gezogen und trage plötzlich großflächig Pink, wilde Kombinationen und finde Schuhe, Jacke und Schal in einem wunderschönen Rosé-Orange.

Also kein Weiß. Stattdessen satte intensive Farben, die wiederkehrend in verschiedenen Formen und Ausführungen zu finden sind. Wer glaubt, sie schnell einfangen zu können, irrt sich gewaltig. Ist Marrakesh rosa? Aprikot? Orange? Rot? Ist die Wüste Gelb, Gold oder Beige? Und der Himmel? Was für ein Blau?!
Je nach Licht, Dunst und Material changiert der Farbton, den man einfangen will, und versucht Smartphones und deren Filter auszutricksen. Was bleibt einem dann übrig?

Genießen. Es einfach nur wahrzunehmen, aufzusagen und irgendwie abzuspeichern für all die kleinen Schubladen der Erinnerungen.

Selbst der Aquarellkasten kommt an seine Grenzen und so versuche ich es auf diesen Weg…

Vorhang auf für meine Farben von Marokko

Die Farbe des Islam. Die Farbe der Oasen. Des Wachstums. Der Hoffnung. Die Farbe von edlen Fliesen und exotischen Pflanzen. Ein erhabenes Grün, das weder Petrol noch Türkis sein will. Dieses Grün kann und will nirgends dazugehören, weil es nur wirkt, wenn Komplementär-Farben die Rolle des würdigen Gegenübers einnehmen.

 

Königsblau. Azurblau. Hellblau. Lichtblau. Majorelle Blau. In Marokko finden sich alle Nuancen dieser Farbfamilie, von sanft und zart zu brillant und extrem laut. Blau ist eine Haltung, Blau verbindet Mut mit Vernunft, Lebensfreude mit Coolness. Aber was soll man sonst erwarten von einer Farbe, die sowohl für den Himmel als auch für das Meer steht?!

Und Indigo? Sie ist die Standard-Antwort aller Guides und Reiseleiter:innen auf die Frage “Was ist das für ein Blau?”. Schon allein der Name klingt exotisch und alle sind zufrieden. Ich habe da so meine Zweifel. Indigo ist faszinierend, wird hauptsächlich zum Färben von Textilien verwendet und stammt von einer Pflanze. Ob all die Pulverchen und Steinchen auf den Märkten wirklich echt sind, wage ich zu bezweifeln, aber wer bin ich, dass ich darüber richten kann. Und so fügen sich alle Blaus der Welt zusammen und wirken völlig konkurrenzlos nebeneinander statt gegeneinander.

 

Farbe des Jahres 2024 des Pantone Instituts. Und mein Liebling. Die Farbe von Tüchern. Von Wänden. Von Städten. Von Pampuschen. Von Strickjacken. Von Kissen. Von Designs. Von Blusen. Von Nagellack…

Die Farbe der Zuversicht, der Zuneigung, meine Farbe für Frieden, Lebensfreude und feminine Magie. Sie einzufangen gleich dem Versuch Zauberkraft zu bändigen und so gebe ich es auf. Ich bleibe dabei sie immer wieder zu finden und mich dann einfach nur zu freuen.

 

Wenn laute Farben wirken wollen, brauchen sie immer eine Basis. Ein Fundament. Einen Ruhepol. Die Farbe von getrocknetem Gras, von sandigem Gestein, von hellem Ton und wohligem Kaschmir übernimmt diese Rolle gern. Sie braucht den lauten Auftritt nicht, sondern ruht in sich. Einfach weil sie es kann. Mal klein in Form von ungebrannten Tajinen, mal weit und endlos als Wüste, die nahtlos in den dunstigen Himmel übergeht.

 

Eine Farbe, die wärmt. Der bloße Anblick sorgt für Güte. Ein erdiger Farbton holt alle Höhenflieger runter, sorgt für Bodenständigkeit und einer gewissen Robustheit, die im Leben notwendig ist. Doch auch, wenn dieser Farbton als geerdet und genügsam auftreten will, so ist er doch beeindruckend intensiv und präsent. Wie eine innere Stärke, die man einfach nicht verstecken kann.

 

Doch Weiß? Ist es Grau, wenn es Marmor ist? Ist es Beige, wenn es gekalkter Lehm ist? Es spielt keine Rolle, denn natürlich begegnet mir Weiß. Weiß zum Aufatmen. Weiß, das kühlt und nichts fordert, nur ist.

Und Weiß, das Touristinnen tragen, mit dunkler Unterwäsche.

Tja, Farben haben ihren ganz eigenen Humor und wer sind wir, dass wir sie zähmen wollen.

PS: Manch eine:r fragt jetzt vielleicht nach Safran. Selbstverständlich spielt er hier in Marokko eine relevante Rolle, ist er doch ein Allround-Genie. Er heilt, er würzt und färbt. Dennoch bleibt er mir ein Rätsel. Als teuerstes Gewürzt der Welt findet man ihn hier an jeder Ecke. Es sind die gleichen Ecken an denen ich auch mein Brot kaufe, für drei Cent, oder Bananen für sechs Cent. Vielleicht ein paar Pantoffeln für acht Euro. Auch das scheint ein Genie-Streich zu sein.

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Marrakesh, Du schöne, stinkende, farbenprächtige, hitzig pulsierende, niemals ruhende Metropole

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Von Gegensätzen, die zusammengehören