Color. Mein Wort für Freude, Fremde & Frieden.

Farben, Orte, Menschen und Geschichten. Der zweite Monat war intensiv und inspirierend.

Was ich gesehen, erlebt, gegessen, gerochen, gehört, gefühlt und geschafft habe – ich kann es immer noch nicht glauben und spüre tiefe Dankbarkeit.

Natürlich kommen einem zuerst die intensiven Farben und Muster in den Sinn, wenn man an Marokko denkt. Und ja, sie waren hier meine ständigen, verlässlichen Begleiter. Die Farbe der roten Erde, des knallblauen Himmels, der grün-glasierten Fliesen. Die Farbe der Sahara, der Ledertaschen, der Djellabas. Ich könnte ewig aufzählen wie intensiv man in Marokko Farben spüren kann. Für mich war es ein Fest der Sinne all diese Farbtöne und Farbformen zu sehen und zu greifen und zu malen.

Es ist verrückt wie sehr die Farben in sich gekehrte, graue Skeptiker:innen aus Deutschland verführen, sie reizen aus sich herauszugehen und ihnen eine Kraft verleihen, die man nie erwartet hätte. Ja, Farben haben Humor und einen wunderbaren Eigensinn.

 
 
 

Und doch meint “Color” für diesen Monat noch mehr. Es verbindet in einem Wort die Intensität der Kulturen, die hier aufeinander treffen. Die Intensität des Lebens mit all seinen Herausforderungen, Wendungen und Überraschungen. Die Intensität des Fühlens und Wahrnehmens. Die Intensität der Geschichten, die hier erzählt werden. Die Intensität der Emotionen beim Begrüßen, Verhandeln, Streiten und Reisen. Color fasst ein Gefühl von Mut, Zuversicht, Improvisations-Glück, Vielfalt, Fremde und Frieden zusammen, wie es kein anderes Wort kann.

 
 
 
 

Und damit hat auch Monat Nummer zwei gehalten, was er versprochen hat. Ich habe Orte gesehen, die nicht vom Massentourismus plattgetrampelt wurden, sondern sich ganz pur und empfindsam mir gegenüber geöffnet haben. Ich habe Handwerkskunst gesehen, von der ich nicht geglaubt hätte, dass sie in der Form noch existiert. Ich habe mutige Frauen getroffen, die so viel stärker sind als ich. Ich habe Essen gegessen und vertragen, das mir normalerweise schon allein beim Gedanken daran, nicht bekommt. Ich habe Geschichte von einer anderen Perspektive erzählt bekommen. Ich habe fremde Religionen erleben dürfen und zwar hautnah und voller Respekt. Ich habe Menschen kennengelernt, die so viel mehr reisen und bereits so viele Orte gesehen haben, dass mir schwindelig wurde.

Ich habe Menschen getroffen, die mir ohne zu zögern geholfen und sich um mich gekümmert haben und das voller Herzlichkeit. An dieser Stelle gehen Grüße raus an all die Menschen, die mich auf meinem Weg begleitet habe: Meine niederbayrische Crew für ihren Humor, ihre Sorgsamkeit, ihren Zuspruch und ihre Neugier. An Sultana für ihre Lektionen in femininer Überlebensstrategie, marrokanische Rezepte, Verhandlungsgeschick und so viel Freude. An Elgin und Dennis für die so wertvolle gemeinsame Zeit voller Vertrautheit, Hörspiel-Kunst und Essens-Highlights. An Mounir für all die diplomatischen Antworten und das Trinkgeld, das ich nicht gezahlt habe, an Yassine für die notwendigen mobilen Daten und an alle Taxi-Fahrer:innen, Busfahrer:innen, Hoteliers und Helfer:innen für meinen safe trip.

 

Color heißt auch, ich habe in Momenten gelebt.

Ich habe in der Sahara gegen Wüstensturmsand geblinzelt, in Marrakesh mir unbekannte Medizin gegen Fieber genommen, in Essaouira live erlebt wie aus einem gackerndem Huhn in Millisekunden ein totes Huhn wurde. Ich habe einen zarten, frühlingshaften Spaziergang durch eine Oase gemacht und staubige Luft im Nirgendwo eingeatmet. Ich habe fremden Menschen vertraut, weil es in bestimmten Momenten keine Alternative gab. Ich habe furchtbar stinkenden Fisch-Geruch im Hafen ertragen und tausende verwahrloste Katzen ignoriert. Ich habe als weiße Frau meiner marokkanischen Sultana den Einkauf durch die Souks getragen, ein nicht existierendes Appartement in Marrakesh gesucht und mit einem kleinen Kunstwerk Wogen geglättet. Ich bin krank geworden und dann eben wieder gesund*.

Und auch, wenn ich nicht immer fit war oder manchmal viel zu viel gezahlt habe. Auch, wenn es manchmal – aber selten – unbequem oder falsch für mich war, so war das Universum insgesamt unfassbar gut zu mir. Es hat mir immer jemanden oder etwas zur Seite gestellt, sodass ich vier Wochen gesegnet in einer fremden Welt unterwegs war.

An einem meiner letzten Tage wurde mir ein Satz geschenkt, der mich ab jetzt hoffentlich weitertragen wird.

“Was, wenn ich es nicht schaffe?
Dann schaffe ich etwas anderes".

Das ist Marokko für mich.

*Eine Umarmung geht raus an meine Eltern.

 

Koran und Thora nebeneinander

 

Und ich habe Frieden erlebt. Ein ergreifendes Gefühl. Wenn fremde Menschen sich gegenseitig respektvoll aus ihrem Leben erzählen. Wenn Moslems respektvoll über das Judentum sprechen. Wenn Designs Symbole aus verschiedenen Ländern bündeln. Und wenn sich Wege von Menschen kreuzen und Neugier am Tisch sitzt. Wenn sich gegenseitig geholfen wird, wenn man sieht, dass der oder die jeweils andere gerade unsicher ist… Im Koran steht geschrieben “Allah hat verschiedene Kulturen erschaffen, damit sie sich gegenseitig kennenlernen.”

Für wen das zu romantisch klingt, gerade jetzt in dieser Zeit, dem antworte ich: Ja, stimmt, viel zu einseitig und zu naiv und zu romantisch. Und ja, mir ist vollkommen bewusst wie privilegiert ich bin und reise, wie klein mein Einblick und wie gefiltert meine Informationen sind. Und dennoch, in all seiner guten Einfachheit ist es das, was ich gerade auf die Seite des Guten in die Waagschale lege, denn das pure Böse gibt es ja offensichtlich auch.

Und ich habe erkannt, dass Frieden ein Zustand der Bewegung ist. Es ist der Moment, wenn Kommen und Gehen, Ein- und Ausatmen, Gestern und Morgen, Angst und Mut im Gleichgewicht sind.

Der Flughafen ist für mich ein Ort des Friedens. Denn alle, die dort von Gate zu Gate huschen, haben ein persönliches Interesse dran, sicher von einem Platz auf der Welt zu einem anderen zu kommen. Verschiedene Menschen kommen von nah und fern, Umarmungen werden ausgetauscht, gute Wünsche mitgegeben.

 
 

Und so sage ich von Herzen Danke für diesen einzigartigen März, den ich genau dort beende, wo ich ihn begonnen habe und steige ins Flugzeug zurück in dieses wundervolle Europa – in der Hoffnung, dass auch Monat Nummer drei gut zu mir ist.

“Yallah yallah…” oder besser “Vamos".

Postscriptum. Ein paar Wegbegleiter:innen schreiben mir ihre Gedanken zu meinen Posts. Lasst doch gern hier Kommentare da. Man muss sich weder einloggen noch gibt es Strafen, wenn man einen anderen Namen wählt.
Go for it ♡

 
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Málaga, Du und Deine Küste…

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Marrakesh, Du schöne, stinkende, farbenprächtige, hitzig pulsierende, niemals ruhende Metropole