Granada, wenn Du mal nicht alles verbindest…
Ich verlasse die Weite des Meeres und kämpfe mich zwischen rauen Felsen ins Hinterland. Die Sonne schenkt das warme Nachmittagslicht und dann zeigt sich das sagenumwobene Tal – Granada öffnet seine Türen. Eingebettet inmitten der Sierra Nevada, den Hügeln und Bergen, liegt sie, die Stadt, die eine besondere Magie versprühen soll. Egal wer berichtet, egal wem ich sage, dass ich Granada auf der Route habe, alle erzählen fasziniert und immer mit einem feinen Lächeln auf den Lippen. Ich begebe mich also auf die Suche nach dem Grund für diesen Funken Magie.
Die andalusische Geschichte im Hinterkopf beginne ich mit einer Guided Tour und wieder einmal bewahrheitet sich, dass Reisen Frieden stiftet. Wir sind rund zwanzig Menschen aus London, Australien, Deutschland, Südafrika, Polen und Italien. Die Hälfte davon lebt und arbeitet in einem anderen Land als in dem indem sie geboren wurden. Alain, unser spanischer Anführer war Economist wie er so schön sagt, jetzt ist er Guide und legt viel Wert auf hinterfragende reflektierende Zusammenhänge. Tourismus 2.0.
Und so lerne ich wie 800 Jahre maurische Kultur überall zu finden ist und doch noch mit bittersüßer Distanz betrachtet wird. Die schnörkeligen Dekore sind super, aber maurisch? Gar arabisch? Das will keiner sein. Die Alhambra mit ihren marokkanischen Palästen, den arabischen Gärten und islamischen Symbolen ist toll, aber im Herzen wollen und sollen alle schön katholisch sein. Es ist ein Hin und Her aus Stolz und Emanzipation. Und ich bin wieder einmal erstaunt, erschrocken und irgendwie fasziniert wie die katholische Kirche damals vorgegangen sein muss, um diese Art von Umerziehung und Reconquista durchzuziehen. Und so finden sich tausend kleine Eigenheiten, die sich auf die intensive Geschichte dieses Landes zurückführen lassen. Die leidenschaftliche Liebe zum Schinken, die schmerzvolle und stolze Art des Flamenco. Die marokkanischen Sterne in der Basilika. Der Minztee in Albaicín. Religiöse Symbole vermischen sich. Kirchen werden auf Moscheen gebaut. Höhlenbewohner leben neben Palastherrschern. Granatäpfel wachsen neben rotem Stein. Schnee auf den Bergspitzen blickt auf trockene Olivenhaine.
Wenn der Blick vom Kreuz zum Stern wandert…
Wenn eine Basilika auf den Mauern einer Moschee errichtet wurde…
Wenn die heilige Maria über arabischen Schriftzeichen thront…
Wenn maurische Details in christlicher Pracht verbaut sind…
Das wird ein Teil des Zaubers sein. Diese faszinierende Identität, die immer zwischen Kontrasten bestehen wollte. Das ist das Zwischen-den-Bergen-gequetscht sein und trotzdem großherrschaftlich leben. Das weltmännisch Erhabene und trotzdem überschaubar Erreichbare. Das europäische Leben und arabische Erbe. Daraus entsteht Lebendigkeit, Leidenschaft und Stolz.
Und noch ein Aspekt sticht raus. Granada liebt die Kunst. Sie ist selbstverständlich. Egal, ob Musik, Tanz, Malerei, Keramik – das künstlerische Sein wird nicht belächelt, sondern ist Teil des Lebens und Wirkens hier.
Umso passender, dass das Verbindende bis in mein kleines Universum reicht. Denn Elgins Freundin Ipek lebt in Granada und ist Keramik-Künstlerin. Ich habe sie in der Kunstschule Escuela Val del Omar besucht und konnte meinen Augen nicht trauen. Eine Institution für jede:n Bürger:in mit Studienrichtungen in Keramik, Ton, Skulpturen, Metallverarbeitung, Textildesign, Schmuckdesign, Ikonen-Dekor und vielem mehr. Ein Ort in dem Theorie und Praxis fundiert vermittelt werden und Werkstätten sich aneinanderreihen, sodass ich mit offenem Mund von Etage zu Etage gewandelt bin. Ich lerne herzliche Menschen kennen und überlege wie wir im vernünftigen Erlangen so einen Raum schaffen könnten.
Ipak selbst lebt mit ihrer kleinen Familie in den Bergen in einem spanischen Sommerhaus, das ich besuchen durfte. Ein kleines Paradies und ein weiterer geschenkter Ort auf meiner Reise. Menschen verbinden Menschen. In Granada konnte ich das hautnah erleben.
Denn nach Ipek, kam Obdulia. Eine gute Freundin von Annette – sie war Teil meiner niederbayrischen Crew in Marokko. Auf ihre Empfehlung hin, ging es für mich in den Süden von Granada in ein typisch spanisches Landhaus mit Pool und Olivenhain. Da durfte die selbstgemachte Paella nicht fehlen, ebenso wie die frischen Muscheln, frittierten Boquerones und guter Wein. Ich erfahre viel über den Alltag, die Politik und und die aktuelle Situation in Spanien, führe leidenschaftliche Gespräche und darf für ein paar Tage den Charme von Obdulia, Lola und all den Schätzen um sie herum genießen. Inklusive Baumarkt-Besuch, der mich in all seiner Frauen-Power-Art an den Einkauf mit Sultana in Marrakesh erinnert. So verbinden sich die Orte und Persönlichkeiten.
Die Rote – Alhambra – qaṣr al-ḥamrā
Zurück ins Herz Granadas. “Warst Du in der Alhambra?” “Bestimmt, oder?” – Nein. Die Räumlichkeiten mit den maurischen Gärten, reich verzierten Palästen und Türmen können nur mit Ticket besucht werden. Und die haben eine Wartezeit von zwei Monaten. Ich hätte also in Portugal an Granada denken müssen…
Aber man kann natürlich die Parks drumherum besuchen, das Museum der feinen Künste, frei zugängliche Paläste und die Aussicht. Und auch dort zeigt sich im Großen und im Kleinen das Miteinander und Übereinander christlicher und muslimischer Symbolik und ich entdecke viel, was mir in Marokko gezeigt wurde.
Nachdem es dann wieder steil bergab geht, erreicht man den quirligen Kern Granadas mit seinen Tapas-Bars und seinen kühlen Gassen. Mit Souvenierläden, die die gleichen Tücher, Magnete, Teppiche, Blusen und Ketten verkaufen, die man in Marokko angeboten bekommt und die aus dem ganz fernen Osten kommen. Ja, wenn die Welt sich verbindet, kann es manchmal auch geschmacklos werden.
Alhambra Museum
Plaza de Los Aljibes
Palace of Charles V
Die Verkaufenden – und da dürfen wir uns in Deutschland eine Scheibe abschneiden – egal, ob im Supermarkt, am Marktstand, in der Boutique oder im kleinen Laden, sind freundlicher als wir es in Deutschland oftmals sind. Sie lachen, tragen manche Schwere mit Humor und nehmen es leichter als wir. Jetzt denkt sich der ein oder andere “So ein Quatsch, das machen sie für die Touristen, die wollen ja auch Geld machen” – Und was, wenn es einfach nur Freundlichkeit ist? Ohne Hintergedanken, ohne Boshaftigkeit? Was kostet uns ein Lächeln? Was kostet uns Schabernack? Wir würden so viel weiter kommen und zugewandter miteinander umgehen.
Das ist nichts anderes als Ästhetik im Miteinander. Schönheit in der Kommunikation. Da darf es manchmal ruhig etwas schnörkelig zugehen. Alexander aus Nerja schmatzte mir nach einem kurzen Plausch einfach rechts und links einen luftigen Knutscher auf die Wange und meinte “Claudia, das machen wir hier so in Spanien” Stimmt, so schafft man Verbindungen.
Am Fuße des Albacín
Der Blick nach Sacramonte
Habe ich den Zauber Granadas entdeckt? Ich glaube ihn zu erahnen. Ich suche noch nach dem passenden Wort, das die Persönlichkeit einfängt. Es ist ein Wort, das beschreibt, wenn etwas brodelt und voller Energie heraus will und dabei Neues entstehen lässt, etwas Gutes. Mir will es nicht einfallen.
Pulsierend? Zu viel Vibration. Temperamentvoll? Ist ganz Spanien und die Italiener sind es auch. Leidenschaftlich? Klingt zu sehr nach Ungebremstheit. Stolz? Da schiebt sich gleich die Arroganz hinterher. Und Granada ist nicht arrogant. Aber voller Kraft und Stärke, aber eben mit einem Hauch kleinteiliger Romantik. Eben weil die Identitäten miteinander ringen, weil die Kontraste sich verbinden.
Während es in Deutschland schneit, sitze ich unter dem Zitronenbaum und überlege. Ich nehme die Suche nach dem passenden Adjektiv mit, packe meine Koffer und reise zur letzten Station…