Marokko, Du fremdes schönes Land.

 

Casablanca und der Muezzin ruft

Kein Willkommen ohne Tee

Wer eine andere Welt auf Knopfdruck will, sollte nachts aus Europa kommend in Casablanca landen. Mit einem Mal gelten andere Gesetze und Prinzipien, unausgesprochene Regeln und eine Geschwindigkeit, die sich nicht nach der deutschen Mentalität richtet. Nicht, dass alles schneller oder langsamer wäre. Nein, was bei uns schnell geht, braucht hier Zeit und was bei uns gemächlich scheint, gibt es hier mit Vollgas.

Mir begegnete viel ungewohnte Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Toleranz. Das hatte ich so nicht erwartet. Und was ich auch nicht erwartet hatte, sind die unfassbaren Orte, Designs und Farben. Ich wusste von einer Intensität, aber wenn man eintaucht, spürt man sie sofort.

Färber und ihr Handwerk in Fés

Das Mädchen für alles – die Esel

Geröll. Weite. Und plötzlich Grün.

Frisches Obst in Moulay Idriss

Wie das Fühlen einer einzelnen Perle entlang einer Perlenkette, durfte ich Casablanca, Rabat, Meknes, Midelt, die Sahara, die Region der Kasbahs im Mittleren und Hohen Atlas und Marrakesch bisher erleben und ich bin voller Eindrücke und Bilder.

Marokko ist ein besonderes Land. Sich selbst sieht es näher an Andalusien/Spanien, als am Orient und auch wenn das bei der Geschichte völlig nachvollziehbar ist, taucht dieser Gedanke immer wieder auf, wenn Menschen von ihrem Marokko erzählen. Sie legen viel Wert darauf, tolerant gegenüber den Religionen zu sein. Sie möchten Gästen Sicherheit bieten und sie sind stolz und demütig zugleich. Wenn die wendigen Motorroller mitten in Marrakesh hupend zwischen die Menschen rasen und es eng und kritisch ist, wird wild gehupt. Aber nicht eine:r der Fahrer:innen flucht, schreit oder beleidigt. Man fährt einfach mit einem mutigen Schwung um einander herum, lächelt kurz und bahnt sich seinen Weg - im stinkenden Qualm. Das ist es im Kern: Marokko ist intensiv, bunt, rauh und zugewandt zugleich.

“all natural”

Unser Riad in Rabat

Wie so oft begegnet mir Ambivalenz. Denn dieser Freundlichkeit und Offenheit stehen natürlich konservative und kulturelle Grenzen gegenüber. Die Rolle der Frau ist aus unserer Sicht manchmal befremdlich und auch das Einhalten von Regeln wird mit anderen Maßstäben verfolgt. Während sehr liberal mit Touristen umgegangen wird, treffe ich doch auch auf Konflikte untereinander. Das kann man nur verstehen, wenn man das gesamte Konstrukt versteht… Und das ist gar nicht so einfach. Der Islam prägt den kompletten Alltag und je nachdem wie er gelebt wird, sorgt er für viel Toleranz, oder eben für das Gegenteil. Mir ist er hier verbindend begegnet, aber ich bin auch ein willkommener Gast.

 

Der König ist omnipräsent, entscheidet und verantwortet er doch so gut wie alles. Diese zentrale Führung sorgt – laut den Menschen, mit denen ich gesprochen habe, für Stabilität. Ganz so wie ein Unternehmer, der gut und verlässlich seine Firma führt, durchgreift und kontrolliert. Andererseits ist diese Form der Führung nicht demokratisch, fördert nur schwer kollektive Kreativität und gemeinschaftliches Selbstbewusstsein. Wir sehen ja, dass das nicht immer gut geht. Aber für den Moment ist das die Form von Marokko. Und die gilt es zu respektieren.

Mir begegnet viel Respekt. Mir begegnet viel Geschichte. Hier blickt man aus einer anderen Perspektive auf die Historie der Welt, des Orients, der Kontinente Afrika und Europa. Honorierte Gelehrte oder historische Persönlichkeiten, die hier jeder kennt, sind mir völlig unbekannt. Aristoteles und Einstein, Napoleon und Humboldt. Sie spielen hier keine Rolle. Hier sind es Sultane, Könige und Gelehrte an den ältesten Koran-Universitäten der Welt. Die Moscheen, Koran-Schulen, Mausoleen und Paläste, die dazugehören, prägen die Stadtbilder und werden verehrt. Das blaustichige Grün, eine Art Mint-Grün – die Farbe des Islams – findet sich immer wieder und dient als Orientierung über den Dächern.

 
 

Moschee Hassan II in Casablanca

Der Islam ist das verbindende Element zwischen Nord und Süd, zwischen Stadt und Land, alt und jung. Männern und Frauen. Wenn es im Norden eher um Landwirtschaft, Industrie und internationalen Handel geht, der Süden im Sinne der Berber Viehzucht und regionalen Handel betreibt, dann ist es der Islam und dessen Kultur, der die beiden Welten verbindet.

Es fällt noch schwer, einzelne Themen zu bündeln und sie zu beschreiben, alles scheint ineinander verwoben wie die Mosaike, die überall zu finden sind… Ich versuche es im nächsten Beitrag. Inshalla.

Die Vorboten der Sahara – zwischen Midelt und Erfoud

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Von Gegensätzen, die zusammengehören

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Breath. Vom Luft holen und durchatmen.